Morgenseiten schreiben – kreativ in den Tag starten mit Julia Cameron

Mit dem Buch „Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität.“ von Kreativtrainerin und Bestseller-Autorin Julia Cameron habe ich vor ca. 11 Jahren das erste Mal Bekanntschaft gemacht.
Es gab es als kleines Weihnachtsgeschenk in meinem Trainerkurs und ich muss zugeben – dieses Buch von meinem sehr seriös wirkenden, immer Anzug tragenden Ausbilder aus München zu erhalten – das hat mich doch erst einmal ziemlich irritiert. ;D

Meine Neugier hat dann aber die Irritation zum Glück überwunden und somit habe ich damals die Bekanntschaft mit Cameron´s mittlerweile recht bekannten Kreativitätstechnik machen dürfen, die mich nach den ganzen Jahren nun immer noch begleitet und die ich nicht mehr missen möchte. Und aus diesem Grund möchte ich sie euch heute vorstellen. :)

Morgenseiten schreiben – kreativ in den Tag starten

Morgenseiten schreiben - kreativ in den Tag starten mit Julia Cameron plus Buchempfehlung

Worum genau geht es – und: wozu das Ganze?

In ihrem Buch beschreibt Julia Cameron (unter anderem) eine Kreativitätstechnik, die sie „Morgenseiten“ genannt hat. Diese „Morgenseiten“ stellen einen von drei Grundpfeilern ihres 12-Wochen-Programms dar und sind somit von recht hoher Bedeutung für ihr Gesamtkonzept. Die Autorin bezeichnet sie selber als die wichtigste Technik für die Aktivierung der Kreativität.

Bei den Morgenseiten geht es darum, jeden Morgen drei Seiten lang ungefiltert und unzensiert das aufzuschreiben, was einem in den Sinn und den Kopf kommt (und wieder raus will), so lange, bis die drei Seiten voll sind. Diese Methode soll einem Klarheit und Kreativität bringen.

Und wie?

Es geht nicht darum, ein besonderes Thema  zu verfolgen, auch nicht, einen „richtigen“ Text mit Sinn und Verstand zu verfassen. Unvollständige Sätze, „falsche“ Grammatik, Interpunktion, Wortwahl, Rechtschreibung etc. – auf diesen drei Morgenseiten ist in der Hinsicht alles erlaubt.

Wichtig ist hingegen, dass die Morgenseiten auch wirklich morgens geschrieben werden.
Morgens ist der Tag noch unberührt, wie ein unbeschriebenes Blatt. Noch konnte nichts in einem durch Erlebtes überlagert werden und man ist sich selber noch sehr nah.
Auf der anderen Seite geben einem die Morgenseiten die Möglichkeit, auf ihnen möglichen Ballast abzuladen und diesen dann nicht mehr mit in den Tag nehmen zu müssen.

Das Schreiben der Morgenseiten unterscheidet sich an diesen Punkten auch vom Tagebuchschreiben, bei dem es meistens um einen Rückblick auf den Tag geht. Das Erlebte des Tages hat einen zu diesem Zeitpunkt jedoch meistens sehr geprägt. (Wenn einem solche Erlebnisse allerdings in den Sinn kommen, schreibt man sie natürlich auch einfach auf den Morgenseiten auf.)

Man muss auch nicht zwingend nur über sich selber schreiben. Wichtig ist, dass man ganz unzensiert und ungeschminkt das aufschreibt, was einem in den Kopf kommt. Dabei werden auch andere Stimmen / Rollen in einem laut und kommen zu Wort. Man schreibt über bzw. entdeckt auf einmal Dinge, die einem im Alltag nie über die Lippen kommen würden, die man nie rauslassen würde. Dies kann zum einen sehr befreiend wirken, zum anderen kann das Rauslassen in der Realität natürlich ein nächster Schritt sein.

Anhand dieser „Wahrheiten“, die da aus einem rauspurzeln können, können sich immer wiederkehrende Gedanken oder Ideen bemerkbar machen, die sonst im Alltag untergehen bzw. nicht gehört werden. Es ist also eine gute Methode, um mit sich selber in Kontakt zu treten.

Die Schreibübung am Morgen befreit die Gedanken, man schreibt sich frei. „Mentaler Abfall“, kreisende Gedanken, alles, was man gerne loslassen möchte, kann man auf den Morgenseiten loswerden. Und muss sich auf diese Art und Weise damit nicht mehr beschäftigen. So wird mental aufgeräumt und Platz geschaffen.

Daher wundert es auch nicht, das Cameron diese Technik als Kreativitätstechnik einsetz: Bei diesem täglichen, unzensierten Schreibprozess gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt keinen Perfektionismus, keine Ansprüche und keinen Zensor, der einen „in die Schranken“ weißt. Das Morgenseiten-Schreiben ist im Grunde wie das Spielen eines Kindes: Phantasie geleitet und frei von äußeren Regeln.

Um ein Leben voller Kreativität zu leben,
müssen wir unsere Angst vor dem Versagen ablegen.“
Joseph Pierce

Die Autorin empfiehlt auch, sich das Geschriebene in den ersten acht Wochen selber nicht nochmal durchzulesen und generell die eigenen Morgenseiten niemandem zu zeigen (außer natürlich, man selber möchte das gerne).

Cameron empfiehlt weiterhin, die Morgenseiten am besten mit der Hand zu schreiben und nicht am PC.
Der PC suggeriert oft „richtiges“ Arbeiten bzw. Schreiben müssen, man befindet sich in einem anderer „Modus“. Außerdem birgt der PC viel Ablenkungspotential: Emails checken, nur mal eben schnell die eine Webseite ansurfen…
Mit der und über die Hand hingegen schreibt man direkt die Gedanken aus dem Kopf hinaus. Die gleichmäßige Handbewegung, das Gleiten der Hand über das Papier und das Formen der Buchstaben beim Schreiben, gleicht außerdem einer Art Meditation und spendet Ruhe.

Und in der Praxis?

Ich war anfangs, wie gesagt, sehr skeptisch. Und das ich jeden Morgen ca. eine halbe Stunde meiner wertvollen Zeit dafür „opfern“ sollte, fand ich gar nicht reizvoll (morgens zählt bei mir jede Minute ;D ). Außerdem hängt über allem ja doch ein nicht zu übersehender Hauch von Esoterik, was nicht für jeden etwas ist.

Aber wie Eingangs schon geschrieben: Ich habe es einfach ausprobiert und nun begleitet mich diese Methode schon seit 11 Jahren immer mal wieder für Phasen in meinem Leben und ist in diesen Zeiten ein lieb gewonnenes Ritual, welches ich nicht missen möchte.
Die Unregelmäßigkeit des Einsatzes entspricht zwar nicht der Vorstellung der Autorin, ist aber mein Weg, der mir gut tut.

Unter der Woche schreibe ich meine Morgenseiten während des Frühstücks. An den Wochenende habe ich einen anderen Rhythmus, und wenn ich dann nicht zum Schreiben komme, fehlt mir richtig etwas im Tag.

Ich nutze die Morgenseiten unter anderem dazu, meinen Tag zu planen und zu strukturieren. Das bringt meinem niemals stillstehenden „Denkapparat“ eine enorme Ruhe und Fokussierung. :)

Anfangs habe ich Schreibkram-Nerd ;) noch extra Hefte benutzt. Mittlerweile nutze ich einfach das, was ich da habe, z. B. tut es auch ein einfacher Schreibblock.
Ich nutze für die Morgenseiten aber immer den gleichen Block oder das gleiche Heft und ehrlich gesagt auch zu 99% den gleichen Stift. So muss ich nicht über die Materialien nachdenken und kann noch mehr in meine „Schreibroutine“ verfallen.

Zurückblättern und lesen tue ich meine Morgenseiten lediglich, wenn das Heft oder der Block vollgeschrieben sind und ich es / ihn wegwerfen will. Dann filtere ich eventuell noch ein paar Ideen heraus, die mir wichtig erscheinen (sofern ich sie nicht schon in die Tat umgesetzt habe). Aufgehoben habe ich meine morgendlichen Gedanken noch nie.

Weiterführendes

Julia Cameron hat natürlich auch eine eigene Webseite, auf der sie selber noch mal in einem kleinen Video ihre Methode der Morgenseiten erklärt (auf Englisch).

Für alle, die die Methode gerne ausprobieren, dabei aber trotz der Empfehlung der Autorin lieber den PC nutzen möchten, gibt es mittlerweile eine extra Seite im Internet: 750words.com – die Anzahl der Wörter, die laut des Autors der Seite auf die drei Morgenseiten passen.
Nach einer 30-tägigen kostenlosen Probezeit kostet die Nutzung der Seite $5 pro Monat. Der Autor arbeitet mit einem kleinen virtuellen Belohnungssystem (Badges), wenn man es durchhält, die Morgenseiten über einen bestimmten Zeitraum regelmäßig zu schreiben.
Ich persönlich habe die Seite noch nicht ausprobiert und kann daher nichts dazu sagen. Wenn ihr sie ausprobieren wollt, beachtete bitte auch die Datenschutzangaben auf der Seite.

Kanntet ihr die „Morgenseiten“ schon? Habt ihr sie auch schon mal ausprobiert? Handschriftlich oder am PC? Oder haltet ihr das alles für „esoterischen Hokuspokus“?

(Dies ist wie immer kein gesponserter Beitrag. Er spiegelt meine persönliche Meinung und Erfahrung wieder.)

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4 Comments

  • Reply
    Sa
    12. Juli 2015 at 18:47

    Hi!
    Davon habe ich noch nicht gehört. Es erscheint mir aber sehr sinnvoll und auch gar nicht so esoterisch. Dinge zu verschriftlichen, hat mir bis jetzt immer gut getan, ganz egal, worum es geht.
    Im Grunde finde ich es auch eine schöne Idee, das morgens zu machen, ich denke gerade ein wenig über meine eigene Morgenrituale/Morgenroutine nach. Allerdings ist morgens, wie du so schön schreibst, eben wirklich jede Minute kostbar und ich bin mir nicht ganz sicher, ob das für mich alltagstauglich ist…

    • Reply
      The Organized Cardigan
      14. Juli 2015 at 19:48

      Hallo liebe Sa! :)
      Ich schreibe jetzt immer beim Frühstück (im Bett) und manches Mal muss ich mich richtig zum Aufhören „zwingen“. :)
      Und als langjährige Tagebuchschreiberin muss ich sagen: die Morgenseiten schätze ich seit langem noch mehr, als das Schreiben am Ende des Tages.
      Vielleicht hast du ja auch eine Möglichkeit, die Morgenseiten einfach mal eine Woche aus zu probieren?
      Ich würde mich sehr freuen, wenn du berichtest, ob du es ausprobiert hast und wie es dir gefallen hat. :)
      Liebe Grüße!

  • Reply
    Bettina
    3. Februar 2017 at 21:45

    Die beste Investition meiner Zeit am Morgen! Finde das Schreiben total befreiend. Ich habe immer gerne geschrieben, es aber nach der Schule nie mehr gemacht. Tolle Idee, kann ich auch jedem empfehlen.

    • Reply
      Sunray
      8. Februar 2017 at 15:32

      Hi! :) Dankeschön für dein Kommentar! Schade, dass du aktuell keine Zeit zum Schreiben findest, aber vielleicht wird das ja noch mal was! :) LG, Sunray

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